Reise-Report vom 16.-22. Januar 2010 aus Okinawa – Japan
 

Hallo liebe Freunde von Sylvio´s abenteuerlichen Reiseberichten, der sich heute mit einem herzlichen „Konichi wa“ aus dem fernen Japan meldet.

Es ist wieder eisiger Winter in Deutschland, 15 Grad minus auf der Skala des in sich zusammenbrechen wollenden Thermometers und 50 cm Schneelast lassen die Spitzen der Bäume herunter biegen, dass diese kaum hörbar ächzen. Sie rufen, mit für uns Menschen kaum wahrnehmbarer Frequenz, nach Hilfe – ähnlich der Laute, die ein Walbaby entsendet, wenn es ihre Mutter sucht.

Das bringt mich doch auf die Idee, der Kälte einfach adé zu sagen und mich auf die Suche nach den großen Meeressäugern zu begeben. Auch diese lieben für gewöhnlich kalte Meeresströmungen, nicht so aber im Januar, da sie sich gern vor der Küste Okinawas zur Aufzucht ihres Nachwuchses und der sich anschließenden Paarungszeit einfinden.

Die südlichsten Inseln Japans, nur eine Flugstunde von Taipei, der Hauptstadt Taiwans, entfernt, warten zu dieser Zeit mit sehr angenehmen spätsommerlichen Temperaturen von
22-25 Grad Celsius auf und das Wasser ist mit 21 Grad auch nicht viel kälter.

Dies sehe ich nach dem Dritten meiner täglichen Tauchgänge im 5 mm – Nassanzug zwar etwas anders, doch ist man schnell wieder aufgewärmt, sobald man in dicke Sachen schlüpft und einen dieser aromatischen Jasmin-Tee getrunken hat.

Eine der wenigen Tauchbasen, die neben Japanern auch ausländische (englischsprachige) Tauchgäste betreuen, nämlich die „Reef Encounters“, werden mich auf der Suche nach interessanten Meeresbewohnern begleiten.

Wer schon einmal in Japan war, weiß, dass man an die Unterbringung, soll sie auch noch preiswert sein, keine übertriebenen Anforderungen stellen darf. Stets sehr sauber doch in aller Regel äußerst klein und unbehaglich, mit der Pflicht, die Schuhe gegen Hausschuhe der
Größe XXS zu tauschen. Klein aber fein, werde ich sicher nach den Anstrengungen des Tages hier meine verdiente Ruhe finden.

Ach hätte ich in Deutschland lieber etwas Geld getauscht, denn Kommunikation außer in Japanisch ist äußerst schwierig. Kein Geldautomat will mir Bargeld geben, da ich bestimmt die falschen Tasten errate, kein Taxi nimmt mich mit, da sie nicht verstehen, wohin ich will, nur gut, dass ich Douglas habe, einen hiergebliebenen US-Marine, der mich freundlicherweise am Flughafen „Naha“ abholt und mein Hotel für die nächsten Nächte bereits gebucht hat.
Hier akzeptiert man auch noch meine Kreditkarte, die in Deutschland vielleicht gar nicht geht (Chips sind nicht auf 2010 programmiert) und ich falle wie tot in´s Bett, denn 8h Zeitverschiebung, steckt man nicht so einfach weg.

Morgen früh heißt es zeitig aufstehen, denn nach einem „Japanischen Frühstück“ mit Rührei, Sellerie und Bratfisch (ich bin nicht schwanger, sondern die Walkühe!) geht es auf zum ersten Check-Dive ganz in der Nähe der Tauchbasis.

Meinen ersten Tauchgang, wie auch die folgenden zwei, sollte ich bei schönem Sonnenschein, der hin und wieder durch eine kleine durchziehende Wolke eingetrübt wurde, vom Ufer aus starten. Der Tauchplatz „Sunabe 1“ führt ersteinmal durch aufgeschüttete Wellenbrecher, die den schwersten Taifunen, die hier zwischen August und Oktober zu erwarten sind und im letzten Jahr erhebliche Schäden anrichteten, erbitterten Widerstand leisten, hinein in einen sandigen Einstieg, der gefällig entlang einer bis an die Riffkante verlegten Kette verläuft.

Hier entscheiden wir uns für die rechts verlaufende Riffkante und gelangen nach nur wenigen Flossenschlägen in einen Garten Eden aus Weichkorallen, der nur so wimmelt von Fischreichtum. Ich fühle mich auf der Stelle wie im Roten Meer, nur dass es hier scheinbar eine Plage an Nacktschnecken, Clownsfischfamilien der unterschiedlichsten Schattierungen aber auch gefährlichem Getier, wie der weiß-schwarz gestreiften Wasserschlange gibt.

Das war ein verheißungsvoller Auftakt und zugleich meine 137. und damit letzte Eintragung in dem Logbuch, welches ich vor genau 10 Jahren im Blue Water Dive Resort in Hurghada zu befüllen begann. Mein neues Adventure Log von Padi wartet nur darauf, die nächsten Abenteuer zu dokumentieren und die 150 sollten wir diese Woche noch zusammenbringen!

Matsunoki-san, auch kurz Azusa genannt, ist meine nette Tauchbegleiterin, die sich glücklicherweise nicht der Praktiken japanischer Instrukteure bedient und einen Finger breit an deiner Flanke taucht, um sich aller 3 min. deines noch vorhandenen Luftvorrats zu überzeugen. Sie gibt indes vor, Fun beim Tauchen haben zu wollen, was sie damit beweist, ihrem Freund, unserem armen Douglas, dem wir bei der Ausbildung dreier amerikanischen Tauchschüler über den Weg schwimmen, denn Zipp seines Trockentauchanzuges öffnen zu wollen.
Bad Girl, diese kleine unscheinbare Wassernixe!

Nach einem kurzen Brake nehmen wir uns gleich die linke Riffkante vor, Azusa sicher und galant die Hürden des glitschigen Einstiegs meisternd und sich wohl über mein stakeliges Herumgestolper köstlich amüsierend und ich, die Strömung unterschätzend und immer am Abgrund eines blamablen „Reinfalls“ über die Geröllmassen schwankend hinter ihr her.

Als wir dann, von der Dünung getragen, über das flache Riffdach hinaustreiben, eröffnen sich uns canyonartige Zerklüftungen, die die Kraft der Meeresströmung an dieser Seite (Südwest) der Insel erkennen lässt. Der Nahrungsreichtum beschert ein unglaubliches Korallenwachstum
und eine nicht beschreibbare Artenvielfalt der Micro-Welt. So sehen wir Nacktschnecken der bizarrsten Form und Farbe. Neben blau benarbten, lila gepunkteten und gelb gefleckten gefällt uns die rot-gelb gestreifte wohl am besten, denn sie lässt sich von der Strömung losreißen, um in einer seichten Sanddelle zu landen und ihren Weg auf der Suche nach Futter fortzusetzen.
Sie sollte sich vor den Riesen-Staubsaugern oder Octopussen in Acht nehmen, denen wir sodann begegnen.

Auch die Korallen verdienen einen aufmerksamen Blick, denn zwischen den bläschenförmigen Gebilden verstecken sich gern ganz kleine, nahezu durchsichtige Garnelen, die beim Hinhalten der Hand gerne ihrem Putzfimmel nachkommen. Frisch gereinigt, fällt uns sogleich ein nächstes skurriles Tierchen auf, eines das sich mit einer Art gläserner Hülle umgibt und inmitten der Koralle anmutet wie eine große Perle oder Glaskugel.

Wir wollen ihren Schutz nicht zerstören und belassen es bei einem vorsichtigen Anklopfen. Da niemand öffnet, wenden wir uns einem nächsten Künstler unter Wasser zu, einem ulkigem Weichtier, welches vermag, auf der Flucht vor uns ruck zuck in einem der tausenden kleinen Erdlöcher im Sand zu verschwinden.

Hunderte Doktorfische, Drücker und Wimpelfische begleiten uns zum Ausstieg und bitten uns, den nächsten Besuch nicht allzu lang auf sich warten zu lassen.

Das tun wir dann auch nach einer gemütlichen Lunch-Pause, in der wir uns eine Nudelsuppe mit wirklich scharfen Gewürzen zuführen und sagen schon beim Einstieg einer grüngelb gepunkteten Muräne hallo. Diese zeigt angriffslustig ihre Beißerchen, wohl auch noch auf ein kleines Mittagessen wartend. Wieder begegnen uns die ausgefallensten Farben bei Papageien, Kaiserfischen, Drückern, Doktor- und Clownsfischen.

Eine Riesenmakrele schaut von Oben dem Treiben gelassen zu, wohl wissend hier keinem Feind zu begegnen und nicht als Mittagsessen zu enden. Flöten- und Trompetenfische wiegen gemeinsam im Takt der Wellen, von denen wir uns wieder, den Sicherheitsstopp durchführend über das Korallendach gen Ausgang treiben lassen.

Nachdem wir die Wetterkarte gründlich studierten, beschlossen wir, dass ich mich am folgenden Tag einer Gruppe von Japanern anschließen sollte, die mit einem großen Boot die vorgelagerten Inseln Kurojima und Tokashiki anlaufen wollen.

Sodann hieß es am nächsten Morgen zeitig aufstehen, denn 8.00 ging es auf Deck. Ein Freund Dougs, nämlich James, erwartete mich schon mit den aufregendsten Geschichten über Flugzeugwracks, Unterwasserminen und allerlei Episoden zum Kriegsverlauf, der für beide Seiten enorm verlustreich gewesen sein muss, zum Glück für manche entdeckungslustigen Taucher. Doch eine Wracktour ist erst wieder im Sommer möglich. Heute steht eine Passage eines Tiefseestückes bevor und was kann da alles passieren, man stößt vielleicht auf Hammerkopfhaie, die es hier in großen Schulen zu dieser Zeit zu finden gibt, Schildkröten, die an die Oberfläche kommen oder gar Orkas, die schon oft in der Bucht gesehen wurden.

Nein, dass was wir schon aus der Ferne sehen konnten waren schwarze Erhebungen und kleine Wasserfontänen. Da, ein riesiger Körper erhob sich aus dem Wasser, um mit einem riesigen Splash wieder im Meer zu versinken. Wale kreischten die kleinen Japanerinnen und selbst die Divemaster rannten wie eine Horde wilder Ameisen aufgeregt umher. Stilles, gespanntes Abwarten, dann wieder ein Schrei, diesmal zeigte sich das Grindwal-Männchen von seiner ganzen Größe. Geschätzte 18-20 Meter erzeugten eine Welle beim Eintauchen seiner Rückseite, die hätte ein Fischerboot problemlos zum Kentern bringen können.

Wie aus dem Nichts drehte ein zweites Boot bei und nahm die Wale in die Zange. Es zeigten sich mehrere Tiere dieser Herde, vermutlich trächtige Weibchen, die gemächlich ihre Bahnen zogen, um im Schutz der Bucht ihre Jungen zu gebären und die nächsten 2 Monate fett zu säugen. Alsdann paaren sie sich wieder mit den Sprung gewandtesten Männchen, um dann für weitere zwei Jahre schwanger zu gehen, oder besser zu schwimmen. Bis auf 30-40 Meter konnten wir uns ihnen nähern ehe sich noch einmal eine gewaltige Schwanzflosse zeigte und die Wale in die Tiefe abtauchten.

Dieses Erlebnis wird sich für immer in die Erinnerung der Taucher einprägen, denn sie vereinigt Anmut, Schönheit und Kraft auf die eindrucksvollste Weise miteinander. Umso merkwürdiger das Gefühl, nicht zu wissen, wer von den an Bord befindlichen Japanern die Jagd dieser Tiere auch in Zukunft billigen wird und somit dem Gleichgewicht unserer Natur nachhaltigen Schaden zufügt!

Der erste Tauchgang an diesem Tag hat noch nicht einmal stattgefunden, da kann man schon über ganz große Erlebnisse berichten. Dennoch erreichen wir nach fast einer Stunde Überfahrt die Insel Kurojima und gehen nach dem Anlegen der Ausrüstung per Spreizsprung vom Boot.

In einem tief durchfurchten Gebiet, in dem die Strömung launenhaft wechselt, begleitet uns eine grüne Schildkröte, deutlich gekennzeichnet durch ihren Überbiss und den mehrfarbigen Panzer, bis wir auf ein Rudel umherzuckender Japaner treffen, die wie besessen der Turtel entgegen schwimmen und diese dadurch verschrecken und in´s offenen Meer verjagen.

Der in ihrer Höhle hockenden Riesenmuräne ist das Treiben schier egal. Sie zählt die an ihrem Erg vorüber ziehenden Nacktschnecken und ist sicher schon beim Ende ihrer Zahlenreihe angelangt.

Wir setzen über zu „Zumani Toma“, einem Gebiet, wo es nur so von hochgiftigen Wasserschlangen wimmeln soll. Durch mehrfachen Biss würde dem Taucher ein Vergleichbares der tödlichen Dosis einer Viper injiziert, sollte man unaufmerksam einen Frontalzusammenstoß riskieren. Da die armen Tierchen aber sehr kurzsichtig sind, sollten wir sie eher bemerken als sie uns und haben somit beste Voraussetzungen, auch diesen Tauchgang als Fun-Dive zu verzeichnen.

Gewandt kreuzt eine freischwimmende Muräne unseren Weg zum Boot und ein perfekt getarnter Skorpionsfisch beäugt uns missgelaunt. Vorbei an Baracudas, Makrelen und Garnelen, die sich über eine im Sand versteckte Flunder hermachen, ihr die Tarnung zu zerstören, bereiten wir uns auf den Aufstieg vor und müssen mit ansehen, wie die teils ungeübten einheimischen „Taucher“ auf und ab die Korallendächer unter dem Boot misshandeln.

Nach einem typisch „okinaween Lunch“ (aus der Asiette) fährt unser Schiff weiter nach Tokashiki Ariga, wo wir uns sogleich nach dem Einstieg von den Japanern trennen und auf Tiefe gehen. Was sehen unsere Augen – keine 30m vor uns schwebt ein großer grauer Körper, krümmt seinen Nacken und spritzt mit einem kräftigen Schlag seiner langgezogenen Schwanzflosse in´s tiefe Blau. Da wir keine Zeichnung der Rückenflosse ausmachen konnten, der Körper aber regelrecht bullig erschien, waren wir mit aller Wahrscheinlichkeit einem der hier häufig umherstreunenden Bullenhaie begegnet. Tief durchatmen, er war mehr erschrocken als wir!

Gemächlich am sandigen Boden weiter tauchend, sahen wir uns auf einmal von hunderten Sandaalen umringt, die ca. 10 cm aus dem Boden lugten und sich bei Annäherung sofort in den Sand zurückzogen. Die japanischen „Chickendivers“ haben davon natürlich nicht mitbekommen, denn als sie aufschlugen, war der Boden bereits wie leer gefegt.

Inmitten herrlicher Hartkorallengärten schaukelte ein ebenso genannter Fisch, wobei etwas weiter immer wieder Anemonenbüschel angesiedelt waren, in denen ganze Familien der wohl beliebtesten Fische, den kleinen Nemos, untergekommen waren. Die Luft ging langsam zu Ende und der zweite Tauchtag auch. Es war ein Tag, den ich so schnell nicht vergessen werde!

Alsgleich bestellte ich mir zum Abendessen einen Campari-Orange, um die Begegnung mit den größten Meeressäugern gebührend zu feiern und sollte an diesem Abend noch lange wach liegen, ehe mich die körperliche Erschöpfung doch einschlafen ließ.

Lange war dies nicht möglich, da es auch am Folgetag wieder auf ein Boot ging, welches
8.30 Uhr ablegte. Die Japaner heute an Bord waren nahezu alle professionell eingekleidet und schienen einen Masterlehrgang zu besuchen. Ich kam mir dagegen jedenfalls reichlich schlecht ausgerüstet vor, was ich dann auch am eigenen Laib erfahren musste. Es ging rücklings, kopfüber mit einer Rolle vom Boot, wobei sich eines meiner Bleigewichte aus der Jackettasche verabschiedete, die sich nicht verschließen ließ. Also hieß es in steter Schieflage mit 2 Kilo weniger zurechtkommen und da machte sich schon positiv bemerkbar, dass ich das eine oder andere Gramm überschüssigen Fettes bereits verbrannt hatte.

Maeda Wall wird die Steilwand genannt, die wir nun auf den unterschiedlichsten Tiefen abtauchten. Nun sind Nudi-Brancks, als Nachtschnecken wirklich nicht leicht auszumachen, da sie nur wenige Zentimeter oder gar Millimeter groß werden, doch an diesem Platz waren sie einfach nicht zu übersehen. Eine Schneckenplage nennt man das wohl bei uns, hier ist es aber das beste Erkennungszeichen dafür, das die Wasserqualität noch 1a ist.

Nachdem wir das „Tech-Team“, welches erst 20 min später an Bord zurückkam, obwohl sie zuerst einstiegen, wieder abgesetzt hatten, begann für uns ein relaxter TG am Yamada Point.
Eine riesige Sanddüne fiel auf etwa 20 Meter ab und der Blick zurück durch die gespreizten Beine ließ mich für einen Moment fühlen, als sei ich in der Wüste, nur von Milliarden Kubikmetern Wasser umgeben. Vor uns türmte sich ein altes Fischernetz auf, welches als Heimat unzähliger Kleintiere diente. Unser Freund Jim hatte wieder sein Teleobjektiv für die kleinsten der großen Unterwasserwelt bereit, da platzte ihm fast die Linse, als sich eine Schildkröte in ihrem Mittagsschlaf gestört fühlte und vor ihm aufstieg, um das Weite zu suchen. Auf dem Panzer wie auch unter ihrem Brustschild klebten jeweils Putzerfische, die sie hinaus in das tiefere Blau begleiteten.

Auch an diesem Tauchort kreuzten wieder Schlangen auf, von denen man nicht weiß, wie sie gerade drauf sind. Manche schwimmen dir hinterher, manche drehen ab, doch die meisten registrieren uns wohl gar nicht und ziehen ihrer Bahn. Ein schöner Korallenstock glänzt noch einmal durch unglaublichen Fischreichtum, allen voran den schwarzen, roten, braunen, weißen, grauen, gelben und sonst noch wie aussehenden Clownsfischen, die ich in einer solchen Farbenvielfalt nicht einmal in einem Aquarium gesehen habe.

Den letzten Tauchgang diesen Tages beschließen wir wieder vom Land aus zu machen, prima denke ich, schön relaxt am Strand rein und dort auch wieder raus. Denkste! Meine Freunde trauen mir mittlerweile einiges zu und beschließen, von den Klippen aus in Meer zu steigen.
Wir rödeln unser Zeug an und begehen Wege, die das ungeübte Auge gar nicht als begehbar erachten sollte. Hinab zum Wasser führen scharfkantige Stufen aus Karstgestein, die immer wieder durch aufspritzende Gischt höllisch glatt und schlüpfrig werden.



Wir erreichen schon völlig erschöpft die Einstiegsstelle und lassen uns vom Sog der Brandung an die Riffkante ziehen. Der Anblick, der sich uns dann bietet, kommt mir bereits irgendwie bekannt vor. Ich glaube, man kann ihn vergleichen, wenn man sich mit dem Helikopter dem Rand des Grand Canyon nähert und sich auf einmal ein Abgrund vor sich auftut, den man an Schönheit nicht beschreiben kann aber auch nicht in der Lage ist, sofort die Tiefe zu ergründen. Das Drop-off von dem ich berichte, betauchten wir von den Horsshoe Cliffs aus, was nichts anderes wie Pferdeschuh heißt und der Krümmung der Bucht nachempfunden wurde.

Am Ende erwies sich die Steilwand mindestens als 50 Meter tief, wobei wir es im dritten TG des Tage bei 32 Metern beließen, um uns dort an den herrlichen Riesengorgonien zu erfreuen.
Getragen von leichter Strömung drifteten wir die Wand entlang um selbst hier unten, auf über 20 Metern Tiefe, den giftigen Ungeheuern zu begegnen, die ihren schwarz-weiß gestreiften Körper galant durch das Wasser schlängelten.

Da die Einstiegsstelle keinen Ausstieg für uns bereit hielt und wir auch schon viel zu weit abgedriftet waren, wählten wir den nahe gelegenen Strand, um an Land zu geraten, hatten aber Pech, dass die Gezeiten gerade Flachwasser angesagt hatten. Wir sahen uns nun ca. 30 Meter Wegstrecke ausgesetzt, die wir auf dem abgestorbenen Korallendach zurücklegen mussten. Dieses Geholper und Gestolper ist nicht mit Worten auszudrücken. Hin- und hergepeitscht durch die sich brechenden Meereswogen suchten unser Füße in dem kniehohen Wasser nach einer beständigen Auftrittfläche. Immer wieder brachen die Kalkablagerungen unter unserem Gewicht zusammen und wir hatten Mühe, nicht ganz unser Gleichgewicht zu verlieren. Es tat mir im Herzen weh, wenn ich die eine oder andere noch lebende Koralle dabei zerstört haben sollte, griff ich dabei doch nur dem natürlichen Prozess vor, den die Gezeiten früher oder später auch ausgelöst hätten.

Wir sollten etwas später diese Stelle noch einmal betauchen, dann aber bei Flut und beim Darübergleiten, von der Unterströmung ergriffen, konnte ich keine sichtbaren Spuren unseres abenteuerlichen Ausstieges erkennen. Gut zu wissen, dass man in diesen Gefilden gut durch Neopren am ganzen Körper geschützt sein sollte, um schwerwiegende Verletzungen auszuschließen.

Tag vier meines adventures-trips führte uns zum Ikei Island auf die Ostseite der Insel Okinawa, die nur ca. 10 km breit ist. Vorbei an der einzig erhaltenen Ruine einer alten Festung, die ca. 500 Jahre alt ist, gelangten wir zu einem riesigen Areal von Öltanks. Wie ich erfuhr, stellt dies die unvorstellbare Menge an Reserveöl Japans dar, deren mehr als hundert Tanks vor ca. 30-40 Jahren errichtet wurden. Kein Wunder, dass die US-Forces gern auf Okinawa gesehen und geduldet sind, da sie die bestmögliche Abwehr mit ihren 28.000 Soldaten darstellen. Man kann sich das Inferno nicht vorstellen, was hier mit einem Anschlag verbunden wäre!

Doch so ganz nebenbei eröffnet sich uns eine der schönsten Buchten der Insel, deren Erkundung heute auf unserem Plan steht. Dieser sieht vor, ca. 800m gegen die Strömung das Flachwasser zu überschwimmen, wofür unser Guide ca. 45 min. veranschlagt, um dann an der Kante abzutauchen und die statistische Erfassung von Nacktschnecken fortzusetzen. Der Statistik zum Trotz steht die Brandung so ungünstig, dass es unmöglich ist, die Kante zu betauchen, ohne in´s offene Meer abzudriften.

Wir wählen die einzige Alternative, nämlich im Flachwasser unter den schlechtesten Sichtbedingungen (nur 3 Meter) auf die Suche nach Seepferdchen oder die Kinderstube ausgewählter Spezies zu gehen. Außer den schon gewohnten „Nemo“-Familien, einigen Shrimps und Seegurken finden wir auch Babys der Geisterfische, doch leider keine Seepferdchen. Dieses Glück wurde mir bereits vor zwei Monaten in Griechenland unter ähnlichen Bedingungen zuteil. Wir waren uns sicher, auch hier gibt es welche, nur zu finden waren sie anscheinend nicht!

Aufgrund der langen Transferzeiten und eines ausgedehnten Flachwassertauchgangs blieb uns nur noch ein TG am heutigen Tag und der sollte so fischreich sein, wie keiner zuvor.
Wir wählten die Pier von Sunabe, an der eine Brackwasserleitung in den Ozean mündet. Fragt nicht woher das Warmwasser kommt, jedenfalls strömt es zu Unmengen in die kalte See und erzeugt eine Pracht an Unterwasserleben, dass mir die Worte fehlen, dies zu beschreiben!

Schon auf dem Weg dahin wurden wir von einer Schule von Hunderten Baracudas in Empfang genommen. Es waren noch junge Tiere, die uns komplett umkreisten, um den wohl Schwächsten unter uns auszumachen. Wie ein Tornado schlossen sie uns ein und verfolgten uns auf jeden Flossenschlag. Wir gelangten zu besagtem Tower, aus dessen Piplines warmes Wasser austrat. Das Flimmern des Wassers und die Auftriebsschwankungen ließen uns ganz durcheinander werden. Tausende andere Fische gesellten sich der Quelle hinzu, die versprach, für reichlich Nahrung zu sorgen. Von Schnecken bis Buntbarschen war alles dabei.

Wir schwammen immer wieder in den Strömungsaustritt und ließen uns in´s offene Meer treiben, welch Wunder, dass sich unmittelbar an den Mündungsöffnungen die fettesten Korallen ansiedelten! Auf dem Weg zurück stießen wir auf einen Kriegsüberbleibsel, der seiner Form nach stark an einen Turm eines alten Panzers mit abgesägtem Kanonenrohr erinnerte. Man stößt wirklich bei fast jedem Tauchgang auf Munition oder Wracks alter Militärfahrzeuge, die von den Wirren der Kriegsjahre erzählen.

Der letzte Tag ist angebrochen und mir fehlen noch drei TG bis zu Nr. 150. Ob das Wetter noch aushält, denn für heute Mittag sind Stürme und Regenwetter angesagt. Der Wellengang ist bedeutend stärker als die Tage zuvor. Kein Grund für meinen Freund Doug, nicht noch einmal besagtes Steilwandgebiet aufzusuchen, um den einen oder anderen Tiefentauchgang zu absolvieren. Du fliegst morgen? Kein Problem. Ich time die TG so, dass du nach 18h wieder entsättigt bist. Gesagt, getan – es ging zum Toilet Bowl, einem berüchtigten Einstieg, nördlich der Steilwand. „Klo-Spülung“ übersetzt nennen selbst die Japaner diesen Ort, den man ähnlich schwer über die Klippen erreicht, dann aber in ein ca. 4 Meter tiefes Becken mündet, an dessen Boden man die Flossen überzieht und sich dann bei der nächsten Welle einfach hinunter in die Tiefe spülen lässt.

Auf dem Weg in´s tiefe Nichts, wobei wir fast im freien Fall bis auf 40 Meter hinab geleiteten, überkamen mich dann die Schauer! Ich hielt meine Luft an, um sie in mir aufzunehmen, die Ruflaute der Wale, die einerseits mit langen, lauten Schreien ihre Brunft einleiteten, andererseits mit kurzen, fast flehendem Kreischen die Nähe ihrer Mutter suchten.

Sie mögen viele Meilen von uns entfernt gewesen sein, dennoch waren ihre Laute klar und deutlich zu vernehmen, selbst deren Inhalte waren zu differenzieren. Der Rausch der Tiefe setzte ein und wir geboten unserer Seilfahrt ein Ende. Wir genossen die Korallen, die wie Spinnennetze dem Meer zugewandt schienen und begegneten auf dem Rückweg einer gemütlich grasenden Schildkröte, die uns offensichtlich nichts von ihrem Speiseplan abgeben wollte und die Korallenbank Stück um Stück dezimierte.

Der Ausstieg war schwieriger als vorgestellt, man stelle sich nur einen Bergsteiger mit einem Fass Bier auf dem Rücken vor, um die Höhen des Elbsandsteingebirges zu erklimmen. Ebenso lange hat es gedauert, ehe wir wieder festen Boden unter den Füßen hatten und uns von den Anstrengungen des Morgens erholen konnten.

Zur besagten Visite des demolierten Korallendaches setzten wir im Folgenden an, indem wir den Einstieg bei Apogama nutzten, um wiederum auf fast 30 Meter hinabzutauchen, großräumige Höhlensysteme zu erkunden und nach dem einen oder anderen Räuber Ausschau zu halten. Für gewöhnlich trifft man hier auf Schwarz- oder Weißspitzenriffhaie, doch bis auf einige große Barcudas waren keine anderen Räuber im Revier.

Leider heißt es immer wieder Abschied nehmen und einen allerletzten Relax-TG durchzuführen. Mizugama erschien uns bei den immer schlechter werdenden Bedingungen die einzig vernünftige Alternative, da die Einstiegszone hinter einer Wand aus Betonpylonen geschützt ist. Doug spendierte zum Schluss eine Flasche Nitrox, die aber auch jederzeit verfügbar gewesen wäre, wenn nicht immer die Gefahr eines Tiefentauchganges bestanden hätte!

So gaben wir uns sehr entspannt und genossen letztmalig die Artenvielfalt, die dieses Tauchrevier für uns Abenteurer bereithält, ärgerten nochmals kleine „Nemo´s“, leuchteten in Sandlöcher, in welche gerade etwas Gespenstisches entflohen war und sahen einen im Sand verborgenen Stachelrochen, der an Größe mit seinen Verwandten des Roten Meeres durchaus mithalten konnte.

Ich hätte ja eine Wette abschließen wollen, dass uns am Ende noch einmal eine Wasserschlange begegnet, dabei war es eine türkisfarbene Nacktschnecke, deren Laute aber beim besten Willen nicht zu vernehmen waren!

Wir hatten unsere Sachen gerade im Auto verstaut, begann es zu regnen und der Wetterbericht sollte Recht behalten. All die beschriebenen Tage erfreuten sich jedoch schönsten Wetters und ich fahre entspannt, körperlich fit und seelisch erholt wieder nach Hause.

Da ich nun die Sprache der Wale zu unterscheiden weiß, will ich mich der Sprache der Pflanzen bemächtigen, um sie gegebenenfalls von der Last des Schnees zu befreien. Vielleicht kommt mir aber auch die Natur zuvor und regelt alles von allein. Dass wir Menschen nur glauben, überall eingreifen zu müssen, statt zu begreifen, auch nur ein kleines Stück dieser Natur zu sein.

Taucht ab in die Tiefen des Japanischen Meeres und lauscht den Gesängen der Wale, dann fühlt ihr euch, wie ihr wirklich seid : ganz klein!

Bis zum nächsten Mal und immer ne Hand breit Wasser über dem Korallendach!
Euer Sylvio
 

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